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Bruno und die Bremer Stadtmusikanten - Die Griechen und ihre Hunde

Ich habe zum ersten Mal durch geschlafen! Kann es noch gar nicht glauben! 

Bruno ist tot! 

Oder hab ich mir im Schlaf vielleicht doch Ohrenstöpsel rein gestopft und sie vor dem Aufwachen klammheimlich wieder unauffällig entfernt?

Ist im Laufe der Nacht ein unbekannter Virus ausgebrochen, der nur Tiere dahin rafft und als erstes unseren Nachbarhund Bruno erwischt hat?...

 

Aber nein, da kräht ja schon ein Hahn! ... und da antwortet auch der zweite!... 

Aber Bruno?! Was ist mit dem los??? ... Aaaahhh! Na da ist er ja auch endlich! WUFF! WUFF! Tief dröhnt seine kräftige Stimme durch die morgentliche Stille und geradewegs durch unsere Hecke, um dann durch das ganze Tal zu schallen... "WUFF! WUFF! 

Und noch mal WUFF! WUFF!

Und weil es morgens um 5 vielleicht noch nicht jeder gehört hat: 

WUFF! WUFF! 

Ach ja und der doofe Rottweiler von nebenan ärgert sich immer so schön über mich und bellt dann auch: WUFF! WUFF! 

Und der kleine Terrier-Kläffköter gleich mit! WUFF! WUFF! 

Und derSchäferhund von gegenüber! WUFF! WUFF! 

Und die Meute, die den Schrottplatz bewacht - vielleicht kriege ich die ja auch noch geweckt - die nervösen giftigen Kerle springen bei jedem Geräusch so schön im Dreieck! 

Also tiiief einatmen, damit es weit weit zu hören ist und WUUFFF! WUUFFF! 

Herrlich das hat wie immer gut geklappt! Hysterische Bande hähä! 

Hhhm, wen hab ich noch vergessen? Ach ja klar: Herrchen und Frauchen, die es so toll finden dass ich Tag und Nacht (vor allem nachts!) ihr Haus so gut bewache: 

WUFF! WUFF! WUFF! WUFF! WUFF! WUFF! 

So! Alle wach? Ja! Musik in meinen Ohren! Das ganze Tal ein einiziges Hundekonzert... Dann wissen ja jetzt alle, was für ein fantastischer Wachhund ich bin und ich kann mich wieder schlafen legen. Bellen ist anstrengend und schließlich habe ich ja etliche durchgebellte Nächte hinter mir!

Kalimera (Guten Morgen!) allen Menschen und Tieren und einen schönen Tag dann auch!"

 

Wir hatten uns noch in Deutschland wohnend ganz bewußt dafür entschieden, in Griechenland etwas abgelegen aufs Land zu ziehen und nicht in den lauten lauten lauten Straßen von Thessalonikis Vororten oder gar in der hektischen Innenstadt zu leben. 

Auch in Deutschland wohnen wir in einem sehr ruhigen, beschaulichen Dorf und so waren wir auch bei unserem Umzug nach Thessaloniki bereit, den etwas längeren Weg in die Stadt in Kauf zu nehmen und dafür Ruhe und Frieden auf dem Land zu finden... Frieden ja aber Ruhe?... lach lach lach lach lach.... wie naiv!!!!

Tse tse tse, wir Deutschen! JEDER außer uns hält sich hier einen Hund! Und einen Pfau (der macht komische sehr laute "Miau" -Geräusche) und eine richtige Katze und einen Hahn und Ziegen und Hühner und... noch einen Hund! Ist doch klar, man wohnt schließlich abgelegen und da will man auf jeden potentiellen Einbrecher möglichst abschreckend wirken...

Ob das der Grund ist? Hhhm, warum erzählen dann die Kollegen, die in der Stadt wohnen genau das Gleiche? Überall Hunde, überall BELLENDE Hunde, überall DEN GANZEN TAG bellende Hunde, ach ja und nicht zu vergessen überall DIE GANZE NACHT bellende Hunde... 


Sind Griechen vielleicht einfach besonders hundefreundlich, sodass jeder seinen eigenen vierbeinigen Mitbewohner haben möchte? Und sie es viel zu grausam finden, ihn zu erziehen? Dagegen spricht, dass die Hunde hier grundsätzlich draußen gehalten werden, das heißt ohne den in Deutschland selbstverständlichen Familienanschluß - was zugegebenermaßen in unserer Heimat von einigen so pervertiert wird, dass der Hund als Kind- oder Partnerersatz herhalten muss... Hier sind Hunde jedenfalls eher lebende Alarmanlagen. Das verstehe ich ja irgendwie... 

Was ich aber nicht verstehe, ist dass die Hunde ja am lautesten da bellen, wo sie sich grade befinden - in der Regel unter dem Schlafzimmerfenster des Besitzers... Warum schläft DER denn nicht genau so schlecht, wie ICH? Wo er Bruno doch ungefiltert in voller Dröhnung abkriegt? ... Schlafen die heimlich im Keller und verraten es keinem?...

 

Das hat mich so beschäftigt, dass ich alle Griechen darauf angesprochen habe, mit denen wir uns so getroffen haben. Und alle haben das nicht wirklich verstanden. 

Also doch nicht typisch für die Griechen, sondern nur für alle unsere Nachbarn?

Ein Freund hat sogar erzählt, dass Jemand durch das nächtliche Hundegebell des Nachbarhundes namens Hercules so krank wurde, dass er keine Nacht mehr durchgeschlafen hat (kommt mir seeehr bekannt vor) und schließlich zum Arzt gegangen ist, der ihm daraufhin Schlaftabletten verschrieben hat. Die haben Wunder gewirkt und jetzt steht der Freund regelmäßig bei seinem Arzt auf der Matte und schleppt große Mengen Schlaftabletten nach Hause. Seitdem sind er und der Nachbarhund beste Freunde UND der Typ ist der Held der Nachbarschaft geworden. Denn Hercules, der jede Nacht die ganze Straße um den Schlaf gebracht hat schläft nun jede Nacht wie ein Baby: Dank einem Stück Wurst zum Abendessen, das der Freund vorher liebevoll präpariert hat...

Sehr nette Geschichte, über die wir laut gelacht haben, aber eine Erklärung für die Hundelärm-Resistenz unseres Nachbarn habe ich damit immer noch nicht gefunden, also habe ich mal unseren     Vermieter (der zeitweise im Souterrain wohnt) danach gefragt, ob das Gebell die ganze Nacht hindurch den Besitzer nicht selber stört. Darauf machte er große fragende Augen und meinte: "Welches Gebell?" ... ... ... ??? ... !!! ... hääää???" ... 

Ok, ich habs verstanden... Inzwischen weiß ich, was er meint: 

Nach sechs Wochen habe ich tatsächlich heute auch mal durchgeschlafen - man gewöhnt sich eben an alles! Wenn Bruno jetzt nachts bellt und so gar nicht mehr aufhören will, baut mein Gehirn das irgendwie in skurrile Träume ein... Ich kann gar nicht wiedergeben, was ich seit dem so alles träume! Tagsüber blende ich ihn und die anderen Tiere im Tal übrigens schon länger aus - das ist mir heute erst aufgefallen. Sehr schön!

 

Eigentlich mag ich Bruno ja sogar inzwischen ganz gerne. Er hat irgendwie ein freundliches Bellen, nicht so ein Keifen wie die anderen Hunde in der Nachbarschaft und schließlich passt er ja auch auf unser Haus auf! 

Als vor zwei Wochen mal ein kleiner runder Grieche vor dem Tor stand und den Stromstand ablesen wollte, hat Bruno so richtig schön aufgedreht: 

WUUUFFF!!! WUUUFFF! WUUUFFF! 

Die Reaktion des Mannes war, dass er keinen Fuß auf unser Grundstück setzen wollte und immer wieder panisch rief: "Angry dog? Angry dog???!". Ich habe ihn dann beruhigt, sodass er schliesslich doch husch husch ganz schnell mal eben den Zähler abgelesen hat und dann wie ein Aufziehmännchen schnurstracks wieder durchs Tor gewuselt ist. Insgeheim hab ich mich aber zum ersten Mal über Brunos Gebell gefreut und dachte mir: DER bricht schon mal nicht bei uns ein! Wahrscheinlich tue ich dem Mann ja Unrecht, aber in Mexico waren es grundsätzlich Bauarbeiter oder solche externen Dienstleister, die die Häuser ausspioniert haben, um zu gucken, wo sich ein Einbruch lohnt, wie die Gewohnheiten der Familie sind, wie die Sicherheitsvorkehrungen und so weiter. 

Das musste dort die Familie eines Lehrers schmerzlich am eigenen Leib erfahren, nachdem sie eine Woche lang Kanalbauarbeiter vor dem Haus gehabt hatten: 

Innerhalb von zwei Stunden war die Bude leer geräumt, nachdem klar war, dass der Vater jeden Tag zur Arbeit weg fuhr und die Mutter Dienstags mittags zwischen 14 und 16 Uhr mit beiden Kindern ebenfalls das Haus verließ (um zum regelmäßig stattfindenden Kinderkurs zu fahren) - dumm gelaufen!

 

Ich habe hier zwar (noch) keine regelmäßigen Kurs und es ist auch ein bisschen schwierig, unser Haus auszuspionieren: Weit und breit nichts und niemand außer einer staubigen Straße und ein paar verdorrten Büschen und da steht dann stundenlang Jemand vor dem Haus und wirft dezente Blicke herüber? Seeehr unauffällig! Trotzdem freue ich mich inzwischen über Brunos Wachsamkeit und sein Bellen stört mich tatsächlich gar nicht mehr. Ich höre interessanterweise auch nicht mehr das Tierkonzert der ganzen anderen Tiere, die dann im ganzen Tal in das Gebell einstimmen: WUFF WUFF WUFF MIAU MIAU KIKERIKI...! Ich hab schon zu Lutz gesagt: Wenn wir jemals ins griechische Gebirge fahren, binden wir uns auf der Rückfahrt noch ein Eselchen hinten an den Wagen und dann werde ich Superhost bei AirBnB und biete Zimmer in ländlicher Idylle mit märchenhafter Geräuschkulisse an! Für die Besucher, die das tierische Konzert dann trotzdem stört, habe ich von meiner Schwägerin mal 50 Paar Ohrenstäpsel mitbringen lassen - für alles ist gesorgt...

 

Und außerdem habe ich mir noch überlegt, dass ich mich mit meinen tierischen Musikanten dann mal bei der Stadt Bremen melde und um eine Ehrenbürgerschaft bewerbe - klappt bestimmt! I-AH... WUFF WUFF... MIAAAU... KIKERIKI!...

Und haben die Tiere in dem Märchen mit ihrem Konzert nicht auch die Räuber verjagt?!... Ich muss unseren Freund unbedingt mal fragen, ob es in Griechenland das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten auch gibt? Vermutlich ist das die bevorzugte Gute-Nacht-Geschichte für kleine Kinder, die nicht schlafen wollen, weil sie Angst vor Einbrechern haben... Braaaver Bruno!!!

 

Übrigens

Ich wollte eigentlich noch aus einem ganz anderen Grund mal ins Gebirge: Meine beste Freundin arbeitet auf Mittelaltermärkten und verkauft Gegenstände aus Horn, unter anderem auch Tierschädel. Da es hier enorm viele Schafe und Ziegen gibt, die selbstverständlich auch geschlachtet werden, interessiert sie sich brennend für die Frage: Was passiert denn eigentlich mit den Schädeln? Ich habe ihr versprochen, Augen und Ohren offen zu halten und alle Griechen, die ich kennen lerne, zu fragen ob sie keinen Ziegenhirten kennen...

Ihr Plan ist, dann mal mit ihrem Kleinbus vorbei zu kommen und die Dinger auf dem Landweg nach Deutschland zu karren. Sie ist zwar so abgebrüht, dass sie wirklich schon ALLES auch in ihrem Fluggepäck transportiert hat, aber so ein fauliger, verwesender Schädel... Außerdem passen ja maximal 7 davon in einen Koffer... Und das Risiko, erwischt zu werden ist einfach zu groß!...

Aber welch ein Glück: Letzte Woche waren Lutz und ich in den Markthallen von Thessaloniki, wo es wirklich alles zu kaufen gibt, was man zu Mahlzeiten verarbeiten kann... und ja: tatsächlich auch Schafsköpfe! 

Ich war entzückt und ...irritiert... WAS genau macht man aus Schafsköpfen? Schafskopfsuppe? Schafskopfboullion? Schafskopfsülze? 

Schüttel! Igitt! Schüttel! 

Meine Freundin jedenfalls wird sich freuen! Ihr Roadtripp wird sich auf jeden Fall lohnen - wenn sie möchte, kann sie tonnenweise Schafsköpfe mit nach Deutschland nehmen! Jetzt muss sie nur noch ihren VW-Bus zum Kühllaster umbauen...

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