· 

Floresti - Urlaub im Freilichtmuseum

Für unsere letze Etappe in Rumänien haben wir uns überlegt, dass wir uns vor dem letzten großen Sprung in die Heimat (2000 km) noch ein paar Tage auf dem Land ausruhen möchten. Also haben wir uns über einen örtlichen Anbieter eine Unterkunft gesucht, die mitten im Nichts jeweils eine halbe Stunde vom nächstgrößeren Ort entfernt liegt und von den Fotos her viel ländlichen Charme verspricht. Laut Agentur gibt es dort kein Internet und ich richte mich auf ruhige Tage mit viel Spazieren gehen und viel Spielen und Lesen ein. Gelandet sind wir in Floresti, einem kleinen Dorf zwischen Biertan und Sigihoara.
Wir rufen bei der Vermieterin an, um unser Kommen anzukündigen und werden erst mal an den jugendlichen Sohn weiter gegeben, denn nur er spricht Englisch. Er meint, wir sollen uns vom letzten Dorf an der Hauptstrasse bitte noch mal telefonisch melden, dann weiß er, dass wir kommen; danach hat man keinen Empfang mehr. Hups, damit habe ich nicht gerechnet! Ich schreibe der Familie in Deutschland also noch mal schnell, damit sich keiner Sorgen macht, wenn sie jetzt vier Tage nichts mehr von uns hören und wir biegen auf die Straße ins Nirgendwo ab. 

Der Weg führt uns durch Dörfer mit Pferdewagen, vielen Kindern auf der Strasse und vielen dunkelhäutigen Männern mit nacktem Oberkörper. Einerseits ein romantischer Anblick, der das "wahre" Dorfleben in Rumänien wiederspiegelt, andererseits fühle ich mich trotz all meiner Aufgeschlossenheit hier plötzlich fremd, was mir in drei Urlauben a vier Wochen in Rumänien bisher noch nicht passiert ist.

Am Dorfanfang von Floresti sitzt ein Jugendlicher auf einem Fahrrad und wartet auf uns - Vlad, der Sohn der Vermieterin. Er erklärt uns, dass er uns unser Haus zeigen wird und so fahren wir schön langsam hinter dem Fahrrad her die Dorfstrasse entlang bis zu einem Hof mit einem großen grünen Tor - die Unterkunft, die wir - das wird mir jetzt erst klar - komplett für uns alleine gemietet haben! Bullerbü!
Drinnen warten nicht nur ein Brunnen, um den ein paar Hühner herumlaufen, sondern auch Sophia, unsere Vermieterin, die uns mit freundlichen Gesten das Haus zeigt: zwei Schlafzimmer, ein Badezimmer und eine große Essküche in der Mitte, die allesamt mit Möbeln wie aus einem nostalgischen Puppenhaus eingerichtet sind - herrlich!
Lutz fährt den Mercedes mitten in den Hof und Vlad sichert das große Tor anschließend wieder mit einer Eisenstange... Fertig! Wir sind angekommen und nachdem Vermieterin und Sohn uns noch mal ans Herz gelegt haben, dass wir uns jederzeit melden können, wenn wir Fragen haben und uns den Internet-Code gezeigt haben (Ihr hört richtig: hier gibt es nämlich wieder Empfang sowohl für das Mobilnetz, alsauch für Internet) sind wir alleine mit unserem Bullerbü-Hof.

Beim Reinkommen fällt mir schon auf, dass die Küche und das Bad einen Backsteinboden haben, der offensichtlich frisch geputzt ist, denn er ist komplett nass... Erst als die Putzflecken am nächsten Morgen immer noch in der gleichen Intensität dunkel leuchten, ist mir klar, dass dieser Boden immer nass ist und auch nass bleiben wird...
Aber egal, Hauptsache kein Schimmel, wir wollten ja aufs Land, wir wollten es authentisch und da wir einen ganzen Hof für 40 € am Tag gemietet haben, muss man eben kleinere Abstriche machen... Also Flipflops raus geholt und eben nicht mehr barfuß laufen. Außerdem hat die Feuchtigkeit tatsächlich grade im Moment den Vorteil, dass das ganze Haus wunderbar kühl ist, denn die Hitzewelle ist auch hier angekommen - ich bin und bleibe eben Zweckoptimist! Allerdings möchte ich mir nicht vorstellen, wie es wohl im Winter ist, hier zu leben...
Dusche und Klo funktionieren übrigens einwandfrei - sie sind auch deutlich neueren Datums als der Rest - allerdings gibt es ein interessantes Phänomen: Wenn man das Klo abzieht und sich der Wasserkasten wieder füllt, fällt immer kurz der Strom aus... sehr spannend!


Aber erst mal ist es Hochsommer und es ist herrlich draussen vor dem Haus zu sitzen und den Schwalben zuzugucken, die direkt über unseren Köpfen ein Nest gebaut haben und uns von uns nicht stören lassen, ihre Jungen zu füttern. Hektisch werden sie nur, wenn ab und an eine schwarze sehr räudige einäugige Katze auftaucht und sehnsüchtig nach oben starrt - zum Glück sind die Vögelchen aber unerreichbar für die streunende Jägerin. Ich stelle ihr stattdessen Eine Schüssel Milch hin, die so schnell in sich reinschlingt, dass ich sicher bin, dass sie gleich kotzen wird, aber stattdessen hört sie danach einfach nicht mehr auf, sich genüsslich zu putzen...

Zum Mittagessen machen wir uns schlichte Nudeln mit Tomatensauce in den einzigen beiden uralten Töpfen, die die Küche hergibt. Dafür haben wir aber so viel zusammengewürfeltes Geschirr, dass wir auch zwanzig Leute mit unseren Spagetti versorgen könnten, wenn wir wollten und in der Schublade des Bauernschrankes finden sich allerlei Alltagsgegenstände, die wohl Jemand hier vergessen hat: Garnrollen, Spielzeugautos... Ach ja und es gibt nur ein normales Trinkglas und gefühlte 50 Weingläser... ob das wohl darauf schließen lässt, wie man sich hier normalerweise ernährt?

Da wir zwei Schlafzimmer haben, haben wir abends die Qual der Wahl: Zum Garten/Hof raus schlafen in zwei großen dunkeln Eichenbetten unter dem strengen Blick von Oma und Opa auf Schwarz-Weß-Fotografien - offensichtlich war das das Elternschlafzimmer... Oder nach vorne zur Strasse raus schlafen mit vier hellen Fenstern und zwei hellen freundlichen Weichholzbetten, für die man bei uns ein Vermögen bezahlen würde...
Na klar: Die Weichholzbetten machen das Rennen! Aber hups! Was ist das? Ich will mich probeweise mal schön ins Bett legen, da fängt es an zu schwanken!!! ... !!! ... Oh je! Die beiden Betten sind nur mit Winkeln zusammengeschraubt und man hat wohl vergessen, irgeneine Querstrebe zur Stabilisierung anzubringen... Aber... Auch da sind wir ja nicht pingelig: Wenn man die Betten gut an die Wand rückt, halten sie still; wir werden es also mal eine Nacht hier versuchen, denn die beiden dunklen Elternbetten im Nachbarzimmer sind uns tatsächlich etwas zu kurz - ich stoße immer wieder mit Kopf oder Füßen irgendwo an, wenn ich mich lang ausstrecke...

Als ich abends zufrieden im Bett liege und mein handy aufladen will, ist mein handy-Kabel zu kurz und mir wird bewusst, dass diese Betten unglaublich hoch sind. Komisch! Die Menschen waren doch früher viel kleiner als heute und wenn ich mit meinen 1,75m hier schon die Beine baumeln lassen kann und noch zwanzig Zentimeter Platz habe, müssen die Bewohner früher hier ja fast eine Leiter gebraucht haben, um ins Bett zu kommen... Aber wenn ich so überlege: In den Museen, die wir angeguckt haben, waren die Betten auch alle so hoch... Vielleicht was das ein Schutz gegen nächtliche Besucher wie Ratten und Mäuse? Oder die regulären Haustiere haben mit unter dem Bett geschlafen und im Winter ihre Wärme nach oben abgegeben?... Egal, ich bin jedenfalls groß genug, um ohne Probleme hier hoch zu kommen... Dann erst mal "Gute Nacht"!


Ihr ahnt es schon? Die Nacht fühlt sich an, wie auf einer Seereise, nämlich ziemlich wackelig, mit dem Unterschied, dass ich bei einer Seereise nicht die heimliche Angst habe, dass das Schiff jeden Moment unter mir zusammen brechen könnte... Es schwankt und schwankt... Und ich stehe also gefühlt jede Stunde einmal auf und schiebe das Bett wieder fester an die Wand, bis ich irgendwann gegen Morgen die geniale Idee habe, ein Handtuch zwischen Kopfteil und Wand zu schieben, was dem Wackeln tatsächlich ein Ende bereitet.
Da wir insgesamt fünf Nächte hier bleiben und ich nicht Nacht für Nacht dafür sorgen will, dass mein Schiff nicht sinkt, ziehen wir dann also am nächsten Morgen doch ins Elternschlafzimmer um - lieber bequem auf der Seite schlafen, als unbequem unterzugehen!


Die Wackelbetten werden kurzerhand zu unseren Tagesbetten - wie wir an unserem ersten Tag auf dem Bauernhof feststellen, gibt es hier nämlich kein Sofa, sondern nur jede Menge wunderschöne alte Weichholzbänke ohne Kissen, auf denen man sich nach zwei Stunden den Hintern platt gesessen hat... Interessant oder?! Obwohl ich mich für sehr anpassungsfähig halte, wird mir hier (schmerzlich) bewußt, wie sehr ich an Luxus und Bequemlichkeit gewöhnt bin und beim längeren Sitzen doch gerne etwas Weiches unter mir habe... Tja, die Menschen früher (und vielleicht hier auf dem Land auch heute noch?) haben gearbeitet, gegessen und geschlafen und für diese Tätigkeiten gibt es hier genügend Möbel... Aber einfach nur Sitzen?... Doch! einen einzigen Sessel gibt es tatsächlich neben dem Kaminofen (Heizungen gibt es natürlich nicht) und der wird einen Tag lang zum heißumkämpftesten Möbelstück, bevor wir beschliessen, dass man tagsüber auch im Bett sitzen kann...

Das Elternschlafzimmer wurde uns von der Vermieterin beim Einzug übrigens empfohlen, weil es ruhiger ist als das Zimmer zur Strasse raus... Was nicht ganz stimmt, denn hinten im Hof, zu dem die Fenster gehen, stolziert immer mal wieder ein Hahn mit seinen Hühnern herum und verkündet lauthals, dass er der Herr des Hofes ist - was übrigens nicht stimmt, denn eigentlich gehört der Hahn zum Nachbarhaus und kann nur deshalb hier herumlaufen, weil er ein Loch im Zaun gefunden hat...

Insgesamt ist es hinten allerdings schon ruhiger als vorne, denn während ich auf dem Bett sitzend zum Zeitvertreib diesen Artikel für Euch schreibe (es ist Nachmittag und 40 Grad und hier drinnen wie gesagt wunderbar kühl), beschäftigt sich die Dorfjugend den ganzen Tag damit, mit verschiedenen fahrbaren Untersätzen die Dorfstrasse rauf und runter zu fahren: Klingelt und klappert es, ist das ein Pferdewagen, der an unserem Haus vorbei zieht, bei einem hohen Brummen weiß ich, dass ein Sechzehnjähriger sein Mofa spazieren fährt, dabei das T-Shirt bis zur Brust hochgerollt, auch wenn das seiner unförmigen Figur nicht grade schmeichelt (eine Mode, die uns auf unserer Reise interessanterweise bei sehr vielen LKW-Fahrern aufgefallen ist). Dann gibt es noch den Traktor von nebenan, der einmal am Tag bewegt wird und einen Zwölfjährigen, der mit einem großen Quad in der Gegend herumbraust, das Gas nicht so richtig unter Kontrolle hat und die Kiste abwechselnd übertourig aufjaulen lässt oder genau vor unserem Haus abwürgt, weil er hier die Kurve nicht kriegt und es dann rückwärts wieder auf die Strasse schieben muss...
Das spannende Dorfleben kann ich jedenfalls sehr gut von meinem erhöhten Bettplatz durchs Fenster beobachten, während ich schreibe...
Die Tage hier sind auf jeden Fall wie erwartet schön ruhig und wir genießen es, höchstens einmal am Tag einen kleinen Ausflug zu machen und ansonsten für ein paar Tage ein schönes zu Hause auf Zeit zu haben, bevor es wieder weiter geht...


Übrigens
sind die Betten (wenn auch zu kurz und zu wackelig) sehr bequem und vor allem die Bettwäsche hat es mir total angetan: Ich kuschele mich abends müde in die fluffigste und leichteste Daunendecke, unter der ich jemals geschlafen habe und das unglaublich weiche Kopfkissen umhüllt meinen Kopf liebevoll und wiegt mich sanft in den Schlaf... Ich bin so begeistert, dass ich am zweiten Tag beschließe, unsere Vermieterin zu fragen, ob ich diese Bettwäsche hier irgendwo kaufen kann! Aber da die ganze Athmosphäre auf diesem Hof so viel einfaches Leben und Authentizität atmet, überlege ich mir ziemlich bald, dass die Decke wahrscheinlich deshalb so toll ist, weil die Leute hier ihre Bettdecken halt eben mit den besten Federn und Daunen ihrer eigenen Gänse füllen; dann habe ich vermutlich keine Chance, an so eine Decke zu kommen und muss als Stadtkind eben damit leben, dass ich nur einmal in meinem Leben die Gelegenheit hatte, unter so einem leichten und doch warmen Daunen-Traum schlafen zu dürfen... Nach der dritten Nacht, die ich weich und warm eingehüllt unter meiner Traum-Decke verbracht habe, fällt mir auf, dass die Nähte der Decke, die da aus der Bettwäsche herauslugen doch sehr sehr grade und ordentlich sind, was irgendwie nicht für Handarbeit spricht. Also habe ich vielleicht doch Glück und kann so eine Decke ja sogar im Internet bei einer alteingesessenen rumänischen Firma bestellen?!
Meine Finger tasten die Ränder ab und... Hurra!!! Ein Etikett!!! Ich kann mein Glück kaum fassen!!! Und wie heißt jetzt die Firma? HÖNSBÄR...? Und das Kissen heißt JORDRÖCK...! Klingt nicht besonders Rumänisch, oder? Ist es auch nicht, dämmert es mir, denn der Schriftzug kommt mir sehr bekannt vor. Ist nämlich Schwedisch und stammt natürlich von ...IKEA!
Dann also noch mal: "Gute Nacht!"