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Taxi fahren in Mexiko

Wir sind ja ansonsten keine großen Taxi-Fahrer, aber in der 30-Millionen-Stadt Mexico-City ist der Verkehr echt noch mal eine Herausforderung. Genua wie in Puebla gibt es hier achtspurige Hauptschlagadern, mit dem Unterschied, dass hier die Fahrbahnbegrenzungen fehlen und die Autos jede noch so kleine Lücke nutzen, um mal eben schnell jemanden zu überholen, der so dumm war, diese Lücke aufbrechen zu lassen. Also haben wir uns ein Navi geliehen, sind damit bis zu unserer Bekannten gefahren, bei der wir hier wohnen und lassen das Auto jetzt schön hier vor der Tür stehen. Stattdessen fährt man Straßenbahn und Taxi. Ein Ticket für die Straßenbahn kostet hier nur 30 ct, aber nachdem wir gestern hier den ganzen Tag durch die Stadt gelaufen sind, haben wir uns dann abends entscheiden, uns nicht gemeinsam mit den anderen 30 Millionen Einwohnern in die völlig überfüllte Straßenbahn zu quetschen, sondern uns ein Taxi zu „leisten“ (1 Stunde Fahrt kostet hier auch nur 10 €, da mussten wir nicht lange überlegen). Man hält also zu 5. (Garschkes + Gastgeberin) ein Taxi an und quetscht sich zu Viert auf den Rücksitz, was hier keinen so wirklich interessiert, obwohl es verboten ist und los geht’s. Unser Taxifahrer sah sehr nett aus, so ein freundlicher älterer Mann und steuerte dann auch gleich auf die Nord-Süd Hauptschlagader zu - einen anderen Weg nach Süden, wo wir hin wollten, gab‘s leider nicht. Fröhlich schwatzend strich die Zeit so dahin, wir kamen zwar im Schneckentempo voran, aber jedesmal, wenn eine Straßenbahn an uns vorbeifuhr, hab ich trotzdem drei Kreuze geschlagen, denn immerhin konnten wir sitzen und brauchten nicht stundenlang in der Sardienenbüchsenbahn zu stehen. Der Verkehr war unglaublich und man musste ziemlich gut reagieren, wenn mal wieder Jemand meinte, er müsste durch ein gewagtes Überholmanöver fünf Meter wett machen… Der Opi blieb aber total ruhig, obwohl ich auf dem Beifahrersitz so manchen Schweißtropfen vergossen habe, wenn er mal wieder im letzten Moment 5 cm vor der Stoßstange des Vordermannes zum Stehen kam. Tja, der hat Nerven, dachte ich, bis er wieder mal zielstrebig auf die Vordermann-Stoßstange zusteuerte und … voll drauffuhr! Es gab einen lauten Rums und mir wurde schlagartig klar, dass das was wir alle für gute Nerven gehalten hatten einfach nur völlig Übermüdung war. Und als dann der Sekundenschlaf ihn übermannt hat, hat er dann eben nicht mehr rechtzeitig gebremst. Der Vordermann, ein junger Mann fand das überhaupt nicht lustig, stieg aus und kam schimpfend zu unserem Taxi gelaufen. Unser Fahrer tat … nichts. Sagte auch nichts. Wenn ich so tue, als wäre nichts passiert, ist auch nichts passiert, oder? Nach viel Palaver war er dann immerhin bereit, einen halben Meter zurückzufahren, damit der junge Mann wenigstens mal den Schaden begutachten konnte – dachte ich. Aber nein, der coolste Taxi-Opa der Welt schlägt sein Lenkrad ein und versucht sich auf der rechten Nachbarspur einzufädeln, nicht ohne dem jungen Mann noch als ersten und einzigen Kommentar mitzugeben, dass ER ja wohl schuld an dem Unfall sei! Anscheinend hatte der aber schon Erfahrung mit solchen Situationen, ahnte sofort, was der Opi vorhatte und stellte sich blitzschnell in den Weg. Um einen Menschen umzufahren, war unser Fahrer dann nun doch nicht cool genug und blieb dann also brav stehen. Der andere zückte dann auch noch sicherheitshalber sein handy und fotografierte das Nummerschild und die Nummer des Taxis. Wir saßen in der Zeit dumm rum und diskutierten angeregt, ob es wohl ratsam wäre, jetzt auszusteigen, um nicht irgendwie in diesen Streit hineingezogen zu werden, da der junge Mann inzwischen mit der Polizei drohte und wir ja immerhin verbotenerweise zu fünft unterwegs waren. Darauf hatten wir dann überhaupt keine Lust. Aber da kannten wir unsern Taxi-Opi schlecht. Der junge Mann verlangte, dass wir gemeinsam auf die Polizei warten sollten und der Opi nickte nur, um dann wieder Richtung Nachbarspur zu lenken, sobald der Andere wieder in sein Auto stieg. Wir dachten natürlich, er steuert jetzt auf den Randstreifen ganz rechts zu, um wie versprochen auf die Polizei zu warten, aber schwupp, waren wir wieder in den Verkehr eingefädelt. Der junge Mann wollte seinen Widersacher aber nun doch nicht so leicht entkommen lassen und fuhr flugs auch los … nur noch mal zur Erinnerung: Stellt Euch das heftigste, wuseligste Hauptverkehrszeit-Chaos auf der 8-spurigen einzigen Hauptschlagader vor, Gehupe, Gedrängel... also der juge Mann hatte die tolle Idee, uns nun zu zwingen, von der ganz linken Spur bis ganz rechts an den Fahrbahnrand zu fahren, indem er uns einfach nach rechts abdrängte! Rechts von uns so ein amerikanischer Sattelschlepper (ich glaube die Dinger heißen Roadtrain und sind so groß und träge in ihrem Reaktionsvermögen, dass sie einfach alles plattfahren, was sich ihnen aus Versehen in den Weg stellt), von hinten ein dicker Pickup und vor uns durch das Abdrängmanöver eine Fahrlücke, die die Form eines umgekehrten „V“ hatte… Auf dem Beifahrersitz hatte man so ein Gefühl wie im Fantasialand in der 3-D-Show –Kreisch!!! Dazu kam dann, dass Opi plötzlich sehr redselig wurde: Der junge Mann hatte sein Fenster runter gekurbelt und beschimpfte uns aufs Heftigste und darauf musste Opi ja dann schon regieren. Also beugte er sich auch raus und wetterte los. Da wir immer noch mitten auf der am dichtesten befahrenen Straße in ganz Mexiko City waren, muss man dabei aber natürlich auch weiterfahren und wenn ich nicht laut gerufen und mit dem Arm nach vorne gewedelt hätte, wäre Opi dabei schön dem Nächsten hintendrauf gefahren. Ist ja auch schwierig, gleichzeitig zur Seite seinen Nachbarn zu beschimpfen und geradeaus zu fahren! Soweit wir alles verstehen konnten, einigte man sich also schließlich, dass beide nun an den Straßenrand fahren sollten, um dort auf die Polizei zu warten. Opi wechselte auch brav noch eine Spur weiter nach rechts und der Nebenmann kam nun auf unserer alten Spur aus. Wie es aber der Zufall so will, ist unsere Spur plötzlich deutlich schneller als die des armen Opfers – Opi wechselt zum Schein nun auch noch auf die ganz rechte Spur, die sogar noch zügiger voran kommt und als unser Verfolger so weit abgeschlagen hinter uns bleibt, dass keine Gefahr mehr droht, geht’s flugs wieder auf die Überholspur und nix wie weg! Wir waren echt hin und hergerissen zwischen Empörung und Erleichterung, da wir wie gesagt auch nicht wirklich als Zeugen vor der Polizei aussagen wollten. Das mit der Polizei ist hier so eine Sache. Eigentlich ist sie Dein Freund und Helfer. Es sei denn, Du gerätst an einen Polizisten, der sich chronisch unterbezahlt fühlt und meint, mit Deiner Hilfe sein Gehalt aufbessern zu müssen. Dann kann es Dir passieren, dass Du als Überfallopfer noch Schmiergeld zahlen musst. Außerdem kann es passieren, dass Du als Europäer mit besonderer Strenge behandelt wirst, weil man Dir zeigen will, dass Du Dir nicht einfach so alles erlauben darfst. Also man weiß eben nie, an wen man gerät, da ist es besser, den Leuten aus dem Weg zu gehen. Wir beschlossen also, trotz vorhandenem Unrechtsbewusstsein doch froh über unsere gelungene Flucht zu sein. Allerdings hatten wir ja erst die Hälfte der Strecke hinter uns. Nachdem mir nun klar war, dass der Opi dazu neigte, am Steuer einzuschlafen, war ich als Beifahrer mehr als wachsam. Sobald wir uns einem anderen Auto näherten, machte ich laute Geräusche, bewegte mich hektisch oder musste mich dringend mit den Anderen auf der Rückbank austauschen. Nur keine Eintönigkeit aufkommen lassen, das hohe Verkehrsaufkommen und das Schneckentempo waren schon einschläfernd genug! Dann nach einer weiteren halben Stunde war es endlich geschafft: Der Opi nahm eine Ausfahrt Richtung Tlalpan und wir wussten, unser Ziel ist nicht mehr weit! Unsere Freundin fragte ihn noch, ob er wisse, wo er hinmuss. „Jajaja“ antwortete Chaos-Opi und bog in eine Seitenstraße ab. Oh dachte ich, das ist aber eng hier. Und dazu kam dann auch noch, dass die doofen Anwohner alle ihre Autos auf der Gegenspur geparkt hatten und zwar so, dass kaum noch Lücken dazwischen waren. Zum Glück konnte man die entgegenkommenden Autos schon von Weitem sehen, sodass man abschätzen konnte, ob man es riskieren konnte, weiterzufahren oder ob man unausweichlich gleich mit dem Gegenverkehr Nase an Nase festgekeilt auf der einzigen freien Spur stehen würde. Unser Opi ließ auch brav allen den Vortritt. Musste er auch, wurde mir dann auf einmal klar, wir fuhren nämlich gegen die Fahrtrichtung in einer Einbahnstraße!!! Oh je so kurz vor dem Ziel dann doch noch dem Tode nahe? Die nächste Möglichkeit abzubiegen, nutzte er aber zum Glück und so kamen wir dann 5 Minuten später wohlbehalten am Zocalo von Tlalpan an, nicht ohne dass unser Fahrer beim Einparken noch den 15 cm hohen Bordstein mitgenommen hätte und wir alle noch ein letztes Mal diesmal allerdings nicht um unser Leben, sondern nur um die Unversehrtheit des Taxis bangen mussten. Nichts wie raus hier und ab ins nächste Lokal, wo wir uns mit einem fantastisch leckeren Essen erst mal wieder erholen konnten...

 

Übrigens

Wenn man hier Taxi fährt, sollte man grundsätzlich auf Folgendes gefasst sein:

Die Fahrer geben fröhlich Gas und fahren erst mal munter in die ungefähre Richtung, wo man hin möchte. Jeder näher Mann dann allerdings seinem Ziel kommt ist es fast grundsätzlich so, dass der Fahrer einen dann irgendwann nach dem Weg fragt - super, wenn man den selber nicht kennt, geschweige denn Spanisch spricht! Bei meiner ersten Fahrt zur Schule hat mein Taxifahrer dann einfach kurzerhand einen Kollegen angerufen und den nach dem Weg gefragt. Hat zum Glück auch so geklappt! Beim nächsten Mal konnte ich dann immerhin schon wohlweislich die Worte für "links", " rechts" und "geradeaus" und hatte einen Stadtplan dabei...

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