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Totenkult in Griechenland - Der Friedhof Evangelistria

 

Wenn ich in anderen Ländern etwas Zeit übrig habe, finde ich es immer sehr spannend, mal auf die einheimischen Friedhöfe zu gehen.

Und es lohnt sich manchmal wirklich, sich auch über die Totenkulte der verschiedenen Länder schlau zu machen. 

 

Pünktlich zu Halloween war ich in Thessaloniki auf dem "Evangelistria" Friedhof im Nord-Westen der Stadt und habe außerdem ein paar spannende Infos zum griechischen Totenkult für Euch...

Der Friedhof Evangelistria

In der byzantinischen Zeit war es in Thessaloniki üblich, die Toten auf den Kirchhöfen direkt neben den Kirchen zu bestatten. Schon während der türkischen Besatzung wurde dies verboten und die orthodoxen Christen begruben ihre Toten ohne offizielle Genhmigung direkt östlich der alten Stadtmauer in der Gegend, die ich mir heute angucke. 1874 erhielt die griechisch-orthodoxe Gemeinde dann endlich die Erlaubnis durch die osmaischen Verwaltung hier offiziell einen Friedhof zu errichten. Im Laufe der Jahre wurden auf dem "Nekrotafio Evangelistrias" unter anderem griechische Widerstandskämpfer, ermordete Tabakstreikende und wichtige Persönlichkeiten der Stadt beerdigt.

 

Schon als ich die Straße "Elenis Zografou" herunter in Richtung Friedhofseingang schlendere, sehe ich, dass der Friedhof nicht sehr groß ist. Aber das muss er ja auch gar nicht sein - warum? Das will ich Euch sagen...

Der griechische Totenkult

In Griechenland gibt es nämlich einen Totenkult, bei dem ich fast hinten über gekippt bin, als ich davon gelesen habe:

Die Toten werden in Griechenland nämlich nur für 3 - 5 Jahre beerdigt!!!...

Ja und dann???!!!...

Ganz einfach und auf der Internetseite der Friedhofsverwaltung des "Evangelista" direkt auf der ersten Seite zu lesen: Sind die 3 - 5 Jahre rum, müssen die Verwandten sich bei der Friedhofsverwaltung melden, um die Exhumierung ihres Verstorbenen zu verlängern oder zu planen... Exhumierung???!!! Ja genau, Ihr habt richitg gelesen! Während bei uns eine Exhumierung nur mit einem Gerichtsbeschluß vorgenommen wird, wenn Zweifel an der Art des Todes des Verstobenen bestehen und uns ein kalter Schauer den Rücken herunterläuft bei der Vorstellung, die Toten-Ruhe zu stören, ... buddeln die Griechen ihre Toten munter nach 3-5 Jahren wieder aus! Um... ja was denn genau mit den Überresten zu tun???... 

Na klar: Um die Knochen fein säuberlich abzuwaschen, mit rotem Wein zu übergießen (das Blut Christi) und sie dann mit dem Segen eines Priesters in ihre tatsächliche letzte Ruhestätte zu betten - eine kleine Holzkiste in einem Beinhaus. Das macht entweder die Familie selber oder sie beauftragt einen speziellen Fachmann dafür - interessanter Beruf: Gebeine-Wascher...

Wen es interessiert, das Ganze mal live zu sehen, der sucht auf youtube das Video "Ausgrabung der Knochen meiner Oma - exhumation of my grandmother"!... Nachdem ich mir das angeguckt habe, finde ich die Sache übrigens gar nicht mehr so skurril - sieht alles ziemlich normal aus, denn nach so langer Zeit, sind die Knochen hoffentlich blank und es ist kein bisschen verwestes Fleisch daran zu erkennen - zumindest auf diesem Video nicht. Hier werden sie schön von den Frauen der Famile in Spülschüsseln blank geputzt und die Oma kann raus aus der stickigen Erde und wohnt von nun an im schönen Gebeinehaus, das ebenfalls auf dem Friedhof steht und das ich mir auf dem "Evangelistria" natürlich angesehen habe...

 

Auf dem Friedhof stelle ich erst mal fest, dass hier nicht alle Toten wieder ausgegraben wurden, sondern es durchaus auch Familiengräber gibt, die für sehr viel Geld gekauft wurden und zum Teil wunderschön aussehen!

Nach einem kleinen Rundgang betrete ich dann endlich voller Spannung das Gebeinehaus und bin erst mal irritiert, denn dieser Raum hat so gar nichts Feierliches, sondern sieht eher aus wie ein Lagerhaus, in dem jeweils 6 bzw 9 Holzkisten übereinander gestapelt in einem Regalfach in deckenhohen Holzregalen stehen und mir fehlt als katholisch aufgewachsene Deutsche hier eindeutig die "heilige" Athmosphäre...

Was ich allerdings spannend finde, ist dass auf jeder Kiste der Name und ein Bild des Verstorbenen angebracht ist  (die ich aus Respekt für die Toten und ihre Angehörigen auf den Fotos, die ich für euch gemacht habe unkenntlich gemacht habe) und an manchen Kisten hängen, liegen oder stehen kleine Erinnerungen, Blumen, eine verstaubte Tafel Schokolade oder blinkende Elektro-Grablichter... Nachdem ich mich hier ein bisschen aufgehalten und umgesehen habe, gefällt mir das Verhältnis der Griechen zu ihren Toten ziemlich gut: Man merkt, dass all diese verstorbenen Menschen doch noch irgendwie da sind und es Angehörige gibt, die ihre Beziehung zu ihnen immer noch pflegen... Anders aber schön!

 

Bei den manchmal ziemlich verstaubten Grabbeigaben, die man hier so findet fällt mir noch eine andere Meldung ein, die mir beim Scrollen über die Internetseite des Friedhofs ins Auge gestochen ist: Falls man nämlich die Oma schön hier ins Gebeinehaus gebracht hat und dann doch keine Zeit und Lust mehr hat, sich um sie zu kümmern und 2 Jahre lang die Miete für den Regalstellplatz nicht bezahlt, verweist die Friedhofsverwaltung auf ihrer Internetseite in scharfen Ton auf Artikel 14 Absatz 16 der Betriebsordnung der städtischen Friedhöfe, wonach die Oma dann leider ohne die Zustimmung der Familie aus ihrem Einzelzimmer in den "Tiegel" entsorgt werden kann, ein großes Gemeinschaftsgebeinehaus ohne separate Holzkisten, wo alle Gebeine zusammen aufbewahrt werden...

Während der türkischen Besatzung gab es verstreute Friedhöfe außerhalb der Stadtmauern. Heute ist es sicher, dass wir auf einigen unserer Spaziergänge auf den Gräbern unserer Vorfahren gelaufen sind. Das Land Thessaloniki ist voll von zahlreichen Friedhöfen, auf denen Orthodoxe, Katholiken, Juden, Türken, Armenier, Protestanten, Engländer, Franzosen, Italiener, Russen, Serben, Bulgaren und Inder begraben wurden.

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Einigen gläubigen Griechen weltweit ist eine traditionsgemäße Bestattung übrigens viel Geld wert: Im Internet bin ich über etliche Bestattungshäuser gestolpert, die sich auf Überführungen von Toten von Deutschland nach Griechenland spezialisiert haben: Eine Überführung "premium" incl. der Beisetzungskosten in Griechenland ist für schlappe 6.500€ zu haben. Im Preis inbegriffen sind das Beratungsgespräch, die Überführung des Verstorbenen, Erledigung sämtlicher Formalitäten bei den zuständigen Behörden und Institutionen (Gemeinde, Stadt, Konsulat, Flughafen, Krankenkasse, Rentenversicherung, usw.), Hygienische Versorgung des Verstorbenen, Ankleidung des Verstorbenen, Einbalsamierung des Verstorbenen, Überführung vom Sterbeort, Überführung zum Flughafen,

Überführungskosten der Fluglinie, ein Flugticket für eine Begleitperson (Hinflug, economy-class), persönliche Organisation und Durchführung der Trauerfeier, sowie die Wahl eines Sarges für die Beisetzung aus dem Sargprogramm eines Kooperationspartners in Griechenland... Gerne sind die Bestatter dabei behilflich... Puh!

Ob das Angebot nur für frische Leichen gilt oder ob es in Deutschland auch griechische Bestatter gibt, die sich darauf spezialisiert haben, nach 3 - 5 Jahren Leichen mit Sondergenehmigungen wieder auszubuddeln, habe ich leider nicht herausgefunden... Und ob es für diese Tradition tatsächlich Sondergenehmigungen in Deutschland gibt??? Ich kann es mir kaum vorstellen! Also wenn nicht, wäre heute zumindest eine gute Gelegenheit, im Schutz der Nacht und verkleidet als Gespenst oder Skelett auf einem Friedhof herum zu werkeln und so zu tun, als gehöre das Ausbuddeln zu einem gelungenen Grusel-Sketch... Na dann: Happy Halloween!!!

 

Übrigens

Es gibt auch bei uns in Deutschland schräge Totenkulte: Für ungefähr die gleiche Summe wie die Überführung nach Griechenland (7000€) kann man sich nämlich als Schalke-Fan auch auf dem "Schalke-Friedhof" unweit des Schalke-Stadions beerdigen lassen... Und in England kommt man sogar noch näher ran an den geliebten Verein: Die Asche darf dort über dem Rasen vertreut oder direkt hinter dem Tor vergraben werden... Der Traum eines jeden hartgesottenen Fans: Im Asche-Grab mit hundert anderen Fans das eigene Tor gemeinsam gegen gegnerische Angriffe schützen...

 

Wer sich noch ausführlicher für die griechischen Sterberituale interessiert, dem kann ich diese Seite empfehlen: >https://geschichte-forum.forumieren.de/t911-griechische-totenbrauche-sterberituale

City Walk

Für Alle, die den Besuch des Friedhofs mit einem schönen Stadtrundgang verbinden wollen: 

Den Spaziergang zum Friedhof fange ich heute mal oben in der Altstadt von Thessalonik an. Mein Weg führt den Berg runter vom Trigonion-Turm, von dem aus man den besten Blick über die ganze Stadt hat, vorbei am Park "Pasha Garden" und dem schön verschnörkelten Tor des denkmalgeschützten Krankenhaus Agios Dimitrios, weiter vorbei an der kleinen Pforte des armenischen Friedhofs auf der rechten Seite der Straße bis runter zum Eingang des Evangelistria, der am Fuß des Hangs direkt an der großen Straße Agia Dimitriou liegt.

Direkt neben dem Friedhof führt die kleine aber vielbefahrene Straße "Elenis Zografou" mit einem schönen Fußweg an der alten Stadtmauer entlang und bietet einen fantastischen Blick auf die Bucht von Thessaloniki, hinter der sich das majestätischen Massiv des Olymp erhebt!

Wer gut zu Fuß ist, kann von oben dem gesamten Verlauf der Stadtmauer bis runter zum Meer am weißen Turm folgen und dabei nach dem Besuch des Friedhofs auch noch die Rotunde des Galerius, den Galeriusbogen und ein paar römische Ausgrabungen an der Fußgängerzone an der Straße Dim. Gounari bewundern.

 

Der armenische Friedhof

Citywalk

Der Evangelistria

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